Wir sind dann mal in China...

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Freitag, der 13.

159 Tage im Land der aufgehenden Sonne liegen vor uns - nein, wenn es nach der chinesischen Botschaft geht, dann sind wir nach 60 Tagen wieder zuhause. Die Beschaffung des Visums war diesmal wirklich keine Freude. Irgendein Knoten in den deutsch-chinesischen Beziehungen hatte offenbar die Botschaft in Berlin verärgert, so dass man uns laufend vor neue Anforderungen unserer Papiere stellte und letztlich ein langfristiges Arbeitsvisum schlicht verweigerte und wir mit einem 60-Tage-Business-Visum 2 Tage vor der Abreise Vorlieb nehmen müssen. Aber Hauptsache wir können erstmal mit dem geplanten Flug am Freitag, den 13.7. durchstarten. Auf dem Weg zum Flughafen holen wir noch die Reisepässe mit den Visa bei der Visum-Centrale ab um gegen 16:30 Uhr bereits in Tegel vor Ort zu sein - Bloß keine Hektik aufkommen lassen an so einem Tag!

Tatsächlich bekommen wir unsere leicht übergewichtigen Koffer (3 Stück zusammen 61 kg) problemlos durch den Check-In und vertreiben uns mit 20 kg Handgepäck auf dem völlig überlasteten Tegeler Flughafen die verbleibenden 2 Stunden bis zum Boarding. Statt dann pünktlich um 19:30 Uhr abzuheben, warten wir "wenige Minuten" auf 8 weitere Passagiere. Nach 90 Minuten in Lauerstellung bemerken wir zwar immer noch keine Neuankömmlinge, aber der Flieger setzt sich endlich in Bewegung.

Dank unseres zusätzlich gebuchten 3. Sitzplatzes haben wir es recht bequem in der Holzklasse, wie schön, wenn man die Beine hin und wieder lang machen oder gar quer über die Sitze hochlegen kann. Abgesehen von wenigen Luftlöchern verläuft der Flug angenehm ruhig.

 

Samstag, der 14.7. Ankunft in China

Mit knapp 90 Minuten Verspätung landen wir gegen halb 12 Uhr mittags in Peking. Da unser Weiterflug nach Nanjing erst um 15:50 Uhr startet, bereitet uns das kein Kopfzerbrechen. Auch diesmal kann das Gepäck nicht durchgecheckt werden. Wir nehmen es artig in Empfang, kämpfen uns mit 80 kg Zuladung durch den Zoll und erfreuen uns an der Erfindung der Klimaanlage. In einem Anfall von Frischluftdurst wagt Dieter sich für einen Moment ins Freie, um kehrtwendend der draußen herrschenden Hitze wieder zu entkommen. Wir gehören zu den auserlesenen Glücklichen, die einen der wenigen Sitzplätze in der Wartezone VOR dem Check-In ergattern. Dort mache ich eine erste positive Erfahrung mit chinesischem Self-Service: Es gelingt mir problemlos eine eisgekühlte Coladose aus einem Automaten zu fischen. Gegenüber beobachten wir 2 Chinesen, die sich offenbar auf dem Flughafen eine trockene Nudelmahlzeit à la 5-Minuten-Terrine gekauft haben. In Deutschland würde einem das ja noch keine warme Mahlzeit bescheren, anders jedoch in China: Hierzulande gibt es immer und überall heißes Trinkwasser. Die Chinesen haben immer ein Trinkgefäß mit grünen Teeblättern dabei, das sie bei Bedarf jederzeit mit heißem Wasser auffüllen können. Ebenso lässt sich mit diesem Service natürlich einfach und schnell eine lecker duftende Nudelsuppe zaubern. Wir sind beeindruckt! Um für unser erstes Abendessen in Nanjing vorzusorgen, kaufen wir uns auch 2 dieser Fertiggerichte, die mit umgerechnet je 0,52 € unseren Etat auch nicht übermäßig strapazieren. Der Flieger nach Nanjing ist ziemlich pünktlich, so dass wir um 17:40 Uhr wieder festen Boden unter die Füße bekommen. Zu unserer großen Überraschung holen Xiaoting und Ling (unser chinesischer Gastgeber und seine Frau) uns bereits direkt an der ersten Tür im Flughafen ab. Eigentlich käme ein normal Sterblicher niemals von der Ankunftszone aus dorthin, aber Xiaoting hat's ermöglicht. So steigen wir denn ganz galant in ein Elektromobil, welches uns zum Gepäckband chauffiert. Dort übernimmt der Chauffeur das Herunterwuchten unseres leicht sperrigen Gepäcks, um uns durch eine nahegelegene Tür "Staff Only" direkt zur V.I.P.-Abfertigung zu geleiten. Im Fall des Falles stünde dort ein gemütliches Sofa zum Warten bereit, jedoch winkt uns der Beamte in Uniform ohne Vorzeigen der Papiere einfach durch, verbeugt sich höflichst und schließt die Tür hinter uns sorgfältig zu. WOW, so viel V.I.P. auf einmal… auch nicht schlecht!

Aber zum Genießen dieses Status' bleibt uns nicht viel Zeit, die Hitze von Nanjing nimmt uns erbarmungslos auf dem Parkplatz in Empfang. Während wir noch nach Luft japsen und auf Dieters Shirt schon die ersten Schweißflecken auftauchen, verstaut der nächste Chauffeur unser Gepäck im Auto und Ling erzählt uns, dass das Wetter ja erfreulicherweise soooo angenehm frisch und kühl wäre, ein wahrer Glücksfall für unsere Ankunft. Ich nicke höflich und frage mich besorgt, wie heiß und schwül es wohl erst sein muss, wenn dieser "Glücksfall" mal zu Ende geht - mein Erkenntnisgewinn wird nicht lange auf sich warten lassen…

Die Autobahnfahrt vom Flughafen nach Nanjing birgt die nächste Überraschung: Wir sind quasi allein auf der Straße. Xiaoting begründet das damit, dass diese zweite Autobahnverbindung erst vor wenigen Wochen eröffnet worden sei und nur wenige Leute bereits davon wüssten. Mal Hand auf's Herz: Wie lange könnte man in Deutschland eine nagelneue, leere Autobahn "geheim" halten? Nach rund 45 Minuten erreichen wir den Uni-Campus und sind mächtig gespannt auf unser neues Zuhause.

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Zum Glück kennen wir die chinesische Einstellung zum Thema Wohnen ja schon, ansonsten hätte uns der äußere Anblick unseres Wohnblocks wahrscheinlich zu Tode erschreckt: Wie immer sind die Fenster der beiden unteren Stockwerke vergittert, alles ist grau, schmutzig, heruntergekommen und wirkt alles andere als einladend.

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Die Wohnung selbst versöhnt uns dann jedoch mit dem Wohnumfeld. Sie ist komplett saniert, frisch gestrichen und mit viel Ikea eingerichtet. Im Wohnzimmer finden wir einen Fernseher vor, der allerdings nur einen englischsprachigen Info-Kanal bietet, ansonsten sehr viele, sehr laute chinesische Programme. Auch der große Kühl- und Gefrierschrank befindet sich im Wohnzimmer, er hätte definitiv nicht durch die schmale Küchentür gepasst. Wer unsere Gewohnheiten ein bisschen kennt, ahnt, dass das kleine Sofa nicht so ganz unseren Ansprüchen zum Rumliegen und Gammeln entspricht, aber ohne fesselndes Fernsehprogramm ist auch das nur halb so wichtig. Das Schlafzimmer ist ganz normal eingerichtet, wobei die Matratze nach guter chinesischer Tradition verdammt hart geraten ist, wohl dem, der genügend Fettpölsterchen zum Abfedern besitzt… Sehr großzügig bemessen ist das Büro mit 2 Schreibtischarbeitsplätzen und viel Freiraum drumherum - Oh was könnte man da an Nähutensilien unterbringen, wenn man sie denn dabei hätte. Die Küche ist gerade groß genug und nachdem wir die Mikrowelle auf den Kühlschrank im Wohnzimmer verfrachtet haben, ist sogar ein wenig freie Arbeitsfläche da. Etwas gewöhnungsbedürftig ist das zweigeteilte Badezimmer: Da wäre zum Einen das Dusch-Klo und zum Anderen die Verlängerung der Küche mit Waschtisch und Waschmaschine, nun ja, man gewöhnt sich an alles.

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Nachdem man vergeblich versucht uns glaubhaft zu versichern, dass die Waschmaschine nur über ein einziges Programm verfüge und so dermaßen modern und vollautomatisch sei, dass sie ganz von alleine wisse, wie sie mit welcher Art Wäsche umzugehen hätte, lassen wir es in Sachen Technik damit bewenden und denken im Stillen, dass Ausprobieren im Zweifel schon zu brauchbaren Ergebnissen führen würde. Gut versorgt mit allen möglichen Notfall-Telefonnummern verlassen wir sodann unser neues Heim, um zum Abendessen - statt 5-Minuten-Terrine - gemeinsam ins Uni-Restaurant zu gehen. Mal wieder gibt es eine übertriebene Vielzahl verschiedener Gerichte, mit der man locker die 5-fache Personenzahl satt bekäme. Nach unserer langen Reise sind wir zwar echt hungrig, aber leider auch viel zu müde für eine nette Konversation. So nehmen wir Xiaotings Vorschlag zum baldigen Aufbruch liebend gern an. In der Wohnung wird nur kurz das Nötigste aus den Koffern gezerrt um dann ohne Einschlafprobleme in einen langen, erholsamen Schlaf zu fallen.

 

Sonntag, der 15.7., unser erster Tag in Nanjing

Erst gegen 11:00 Uhr Ortszeit erwachen in uns so langsam wieder die Lebensgeister und wir machen uns daran, die Wohnung nochmal genauer zu inspizieren und soweit möglich schon einzurichten. Meine Wunschliste, was z.B. in der Küche als Mindestausstattung vorhanden sein sollte, weicht nicht ganz unerheblich vom tatsächlichen Equipment ab. Wir erstellen eine Einkaufsliste, die schnell an Länge gewinnt. Für den Nachmittag haben sich Ling und ein Mitarbeiter des Lehrstuhls zum gemeinsamen Supermarktbesuch angekündigt, keine schlechte Idee, denn wie findet unsereins Zucker und Salz im fremden Land? Weder die Schrift noch die Art der Verpackung sind uns vertraut. In Begleitung der beiden Einheimischen durchforsten wir den "Suguo" nach allem, was man an Haushaltsgrundlagen so braucht: Salz, Zucker, Essig, Öl, Butter, Milch, Eier, Brot, Marmelade, Obst, Waschmittel, Spülmittel…. aber auch Klopapier, Kleiderbügel, Wäscheklammern, Thermoskanne stehen auf unserer Einkaufsliste. Vom Reis haben wir uns die allerkleinste Packung ausgesucht: Ein 5kg-Sack! Da kommt ruck-zuck ein ganzer Einkaufswagen zusammen und dann - folgt der Heimweg zu Fuß! Bei 35° und 87% Luftfeuchtigkeit!!!! 2 Rucksäcke, 4 riesige Tüten und 2 Taschen bekommen wir voll und schaffen es zu viert irgendwie alles in den 4. Stock zu schleppen.

Ach ja, da ist ja noch die Sache mit den Geschirrtüchern: Im Supermarkt stehen wir in einem Gang, wo zu beiden Seiten wirklich alle erdenklichen Artikel zum Thema Wischlappen, Spüllappen, Putzlappen etc. versammelt sind. Nur Abtrockentücher kann ich beim besten Willen nicht entdecken. Zum wiederholten Mal versuche ich Ling mein Begehr in Englisch unter Zuhilfenahme der Hände und wilder Gesten verständlich zu machen, ihr Blick jedoch bleibt verständnislos. Irgendwann schwant ihr dann doch der Sinn meines Wunsches, woraufhin sie mir fachkundig erklärt, dass man solches in China nicht verwendet: Man stellt das feuchte Geschirr in die Mikrowelle und erhitzt es kurz und knapp! Als ich sie daraufhin frage, wie der technikbegeisterte Chinese das Problem denn VOR der Erfindung der Mikrowelle gelöst hätte, hebt sie nur ahnungslos die Schultern, ist ja auch schon sooooo lange her…Zuweilen erscheint mir Ling, die Professorengattin und Englischlehrerin doch etwas weltfremd.

Nachdem unsere freundlichen Helfer uns dann noch den Gebrauch des Reiskochautomaten in der Wohnung so verständlich wie möglich zu erklären suchten, verabschieden sie sich und wir fahren fort, unseren neuen Haushalt zu ordnen. Und während wir so ein- und umräumen tauchen abermals diverse "Fehl-Gegenstände" auf, so dass wir gegen Abend ein zweites Mal den Supermarkt ansteuern. Feine Sache, diese langen Ladenöffnungszeiten: täglich von 7:30 bis 22 Uhr. Diesmal bringen wir uns auch die trivialen Dinge wie gekörnte Hühnerbrühe, Mayonnaise, vermeintlich europäische Wurstwaren und Naschzeug mit. Zum Abendbrot gibt's leicht angebrannten Reis (ganz so schlüssig war die Erklärung der Reismaschine dann wohl doch nicht…) mit sehr gewöhnungsbedürftigen "Wiener Würstchen" und brauner Soße in China-Geschmack. Aber ab morgen wird alles besser!!!

 

Montag, 16.7., Dieters erster Arbeitstag

Noch etwas unter dem Jetlag leidend ist die Nacht für uns zwar erst um 8 Uhr vorbei, was aber nach gewohnter deutscher Zeitrechnung nachts um 2 ist - nicht wirklich eine gute Zeit zum Aufstehen. Um 9 Uhr pünktlich steht Herr Zhou vor der Tür, um Dieter zum Arbeitsplatz zu begleiten. Aus purer Neugier schließe ich mich an, frau will ja schließlich wissen, wo der Göttergatte sich den ganzen Tag rumtreibt. Dieter bekommt einen schön altmodischen Schreibtisch aus dickem, dunklem Holz in einem großen Büro mit 5 weiteren Mitarbeitern zugewiesen. Der vorhandene Computer entpuppt sich schnell als bessere Schreibmaschine ohne Internetanschluss. Auch das Telefon dient nur als Attrappe, telefonieren und auch angerufen werden, geht nur per Vermittlung durch den obersten Sekretär des Lehrstuhls. Man kontrolliert halt doch zu gern hierzulande…

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Für den Nachmittag ist eigentlich zum x-ten Mal der Besuch des Sun-Yat-Sen-Mausoleums vorgesehen. Mit dem Vorwand, dass ICH unbedingt noch Einkäufe zu erledigen hätte, kann Dieter diesen Kulturausflug abwenden. Bei 35° hätte ich die gefühlten 2000 Treppenstufen auch wirklich nicht erklimmen mögen. Eine kleine Anekdote hierzu: Letztes Jahr im September waren wir ja auch hier in Nanjing und selbstverständlich stand das Mausoleum auf dem touristischen Besuchsprogramm. Unter Hinweis auf meine schmerzenden Knie konnte ich den Aufstieg zur Ruhmeshalle verweigern, Pascal spurtete solo hinauf und konnte mir somit wenigstens als Foto den Ausblick präsentieren. Direkt nach uns kamen Freunde aus Hamburg zu denselben Gastgebern zu Besuch und auch ihnen blieb dieses Kulturereignis nicht erspart. Elisabeth hatte keine passende Ausrede parat. Ling überredete sie zum Aufstieg, den angeblich alle Gäste gern auf sich nähmen mit dem Versprechen, ihr oben ein besonderes Geheimnis anzuvertrauen. Oben angekommen verriet Ling: "Ricki didn't climb up!" Oh, was war Elisabeth sauer (lachend natürlich!).

Statt Sun-Yat-Sen heißt unser erklärtes Ziel: IKEA ! Also blau-gelbe schwedische Kultur. Ja, tatsächlich gibt es in Nanjing ein IKEA-Möbelhaus. Die Ausstattung unserer Wohnung hat ja bereits genügend Hinweise darauf geliefert. An dieser Stelle ist ein Loblied auf google-maps angebracht. Zum Glück haben wir die Möglichkeit per VPN-Tunnel quasi unter dem Deckmäntelchen der BTU Cottbus ins internet zu gelangen, dadurch steht uns google-maps überhaupt nur zur Verfügung. Der Chinese hat darauf keinen Zugriff.

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Jedenfalls versuche ich über maps herauszufinden, wo sich denn der ersehnte IKEA auf dem riesigen Nanjing-Stadtplan befindet. Ok, das ist ganz schön weit! Außer der Erkenntnis, dass am Nordausgang des Campus' eine U-Bahnstation ist, ist uns das ÖPNV-Netz von Nanjing natürlich noch total fremd. AAAABER: google-maps bietet mir doch tatsächlich neben der Auto- und der Fußgängerroute noch eine ÖPNV-Route an. Und die ist genial! Fußweg zur Bushaltestelle, dann Bus 84 Richtung ??????? , 17 Stationen, aussteigen bei ???. Das Ganze als pdf abgespeichert, aufs Handy geladen und der Busfahrerin unter die Nase gehalten. Mit einem freundlichen Nicken bestätigt sie, dass sie genau da hinfährt und tatsächlich erreichen wir schon nach einer guten halben Stunde das blau-gelbe Einkaufsparadies.

Während wir im steinalten, staubigen Bus noch ziemlich besorgt die Route auf dem Stadtplan verfolgen, leistet die junge Busfahrerin echte Schwerstarbeit: Der Bus hat riesige Schaltwege, keine Servolenkung und geht bei jedem kurzen Halt automatisch aus, aber nicht wieder an. Zum Starten muss die ärmste immer zweimal einen Starthebel betätigen, bis der alte Kasten dann widerwillig erneut lostuckert. Mir wird schon vom Zusehen warm. Und wir meckern zuhause rum, wenn der erste Gang mal ein klitzekleines Bisschen ruckelt beim Schalten…

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Ich hatte erwartet, dass die Ausländerdichte bei IKEA schlagartig ansteigt, dem ist aber nicht so. Zuerst gehen wir mal ins Restaurant, wo Dieter sich Spaghetti Bolognese und ich mir Reis mit Fleisch gönnen, mit Refill-Softdrinks natürlich! Das Angebot im Laden dürfte ziemlich genau dem europäischen entsprechen. Wir sind nun nicht die echten IKEA-Fachleute, aber vieles erkennen wir zweifelsfrei wieder. Auf unserer Einkaufsliste steht allerlei vom Kochtopf, zusätzlichem Besteck über Vorhangstoff nebst Vorhangstange bis Sofakissen und "Tupper"-dosen. Melli hatte irgendwann erzählt, dass bei der ersten IKEA-Eröffnung in China bei den schwedischen Mitarbeitern doch großes Erstaunen aufkam, als die chinesischen Kunden sich gänzlich ungeniert zum Mittagschläfchen in den ausgestellten Betten niederließen. Nun, an diesem Brauch hat sich nicht viel geändert, auch wir finden schlafende Kunden. Mir ist jedoch das Fotografieren sooo peinlich, dass ich trotz des dazwischenlatschenden Mannes keinen zweiten Versuch unternehme…

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Das Einkaufen klappt prima, auch das Bezahlen funktioniert sogar mit Kreditkarte und hinter den Kassen entdecken wir noch ein paar schwedische Lebensmittel: Kaffee und passierte Tomaten nehmen wir gerne mit, das konnten wir im Supermarkt nämlich noch nicht entdecken. Schade eigentlich, dass wir keinen Hunger mehr haben, so ein IKEA-Hot-Dog ist doch immer ein Genuss, aber wir kommen ja wieder her! Beim Einpacken erst wird uns bewusst, dass kein geräumiger Kombi-Kofferraum auf dem Parkplatz auf uns wartet, sondern nur ein klappriger Linienbus und ½ km Fußweg. Da werden die Sofakissen ganz klein zusammengeschnürt, der Kochtopf mit den Geschirrtüchern - ja jetzt haben wir sie - gefüllt und die Weingläser liebevoll in Zeitungspapier gewickelt. Dieter erwägt die Vorhangstange als Tragestange für die beiden Taschen zu nutzen, so wie der traditionelle Chinese, lässt es dann aber doch lieber sein.

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Falls Ihr Euch fragt, warum wir denn unbedingt einen Vorhang brauchen: Unser Küchenbad hat schmutzige, aber dennoch durchsichtige Fenster und im Gegensatz zu allen anderen Fenstern weder Vorhang noch Rollo, so dass man vom Haus gegenüber problemlos prüfen kann, wie lange wir uns in welchem Bekleidungszustand wann die Zähne putzen. Nein, das mögen wir nicht! Und Ikea bietet uns da ultimative Möglichkeiten: Eine Duschvorhangstange, die man zwischen die beiden gefliesten Wände neben dem Fenster einklemmen kann; billigen, knallroten Ditte-Baumwollstoff und Vorhangringe zum Festklemmen, also alles für eine Installation ohne Bohrmaschine, Hammer, Schraube oder Nähmaschine, schlicht genial!

Nun denn, der erste Arbeitstag war mehr vom Shoppen denn von wissenschaftlicher Arbeit bestimmt, aber Arbeit definiert sich ja aus Weg mal Zeit, oder durch Zeit??? Egal, von beidem hatten wir heute genug.

 

Dienstag, 17.7.

Jetzt starten wir aber wirklich in den Alltag: Dieter ab in die Uni und ich komme meinen Hausfrauenpflichten nach. Und damit sind wir zurück beim Thema Waschmaschine! Ganz mutig bestücke ich das angeblich so super intelligente Teil mit einer ersten Ladung heller, stark verschwitzter aber nicht wirklich flecken-behafteter Kleidung. Alles Baumwolle, würde ich zuhause bei 60° waschen. Mal schauen, was meine chinesische Supermaschine damit vorhat! Genau der mündlichen Anleitung folgend: Wäsche rein, Waschmittel in den dafür vorgesehenen Behälter einfüllen, Deckel zu, Wasserhahn auf, Maschine einschalten und nur noch den Startknopf drücken. Klingt einfach, geht auch einfach - aber die angezeigte Waschzeit beläuft sich auf schlappe 24 Minuten. Nun ja, Prinzip Hoffnung, vielleicht erlebe ich ja gerade eine Waschmaschinen-Revolution? Während unsere veralteten europäischen Maschinen sich mit dieser Wäschemenge und -art bestimmt 1,5 Stunden rumschlagen, hole ich möglicherweise nach 24 Minuten schon das perfekte Waschergebnis aus dem chinesischen Wunderteil heraus.

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Nun, nicht ganz… Ok, die weißen Shirts und die hellen Oberhemden sind immer noch weiß bzw. grau und beige. Nur das weiße Frotteehandtuch hatte einen leichten Staubfleck gehabt, weil ich es unbedachterweise ohne vorher drüber zu wischen, über die Handtuchstange im Bad geworfen hatte. Ja und dieser Grauschleier ist immer noch da, völlig unbeeindruckt von 24 Minuten Waschgang inclusive Spülen und Schleudern. Das schreit nach Nachbesserung. Da wir in der kurzen Zeit ja noch nicht ganz so viel Schmutzwäsche erzeugt haben, beschließe ich, die gleiche Ladung einfach nochmal zu waschen, diesmal jedoch ohne Zutrauen in die "Selbsterkennungs-Technik" der Maschine.

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Nun aber mit etwas technischem Verstand, liebe Ricki! Da haben wir ganz links eine Skala mit 2.0h, 1.0h und 0.5h, das definiere ich mal als Zeitvorwahl, wann die Maschine starten soll. Daneben gibt es eine Scala mit chinesischen Zahlen und Zeichen, die ignoriere ich mal großzügig. Es folgt eine Skala, auf der ich per Knopfdruck von 1 bis 8 durchschalten kann. Um es nicht zu spannend zu machen, verrate ich Euch schon jetzt meine späteren Erkenntnisse: Es geht um den Wasserstand von 1 Achtel bis 8 Achtel. Daneben kann ich wählen von 10 bis 40, was sich später als Waschtemperaturen herausstellt, wow 40° als höchste Temperatur, das spricht doch für porentiefe Reinheit, ich bin begeistert! Die nächste Skala gönnt mir eine Auswahl von 5, 10, 15 oder 20 Minuten Dauer für den Hauptwaschgang und daneben kann ich von 0 bis 3 Spülgänge wählen. Zu guter Letzt darf ich mir noch die Schleuderintensität zwischen 1, 3, 5 und 7 aussuchen. Ja und wenn ich bei dieser vielfältigen Auswahl dann überall das höchste nehme, kommt auch diese Maschine auf 2 Stunden Waschdauer und macht mein weißes Duschtuch immerhin wieder FAST sauber. Also kein Neid, Ihr armen Wäscherinnen in Europa, Eure WaMas sind und bleiben die besseren!

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Und da wir gerade beim Thema Wäsche sind. Das Wäschetrocknen hat hierzulande auch einen eigenen Stil. Bestimmt gibt es auch elektrische Trockner, aber ohne einen solchen nutzt der Chinese generell seinen mit Fenstern verschließbaren Balkon. Wenn man durch die Stadt fährt oder geht, sieht man an wirklich jeder Wohnung einen Balkon mit einer durchgehenden Wäschestange unter der Decke entlang. Daran werden Shirts, Hemden und Kleider direkt auf Bügel gehängt und für die Kleinteile wie Lappen, Socken, Slips und BHs gibt's kreisrunde "Bügel" fertig mit Wäscheklammern bestückt. Ich kenne die zuhause vom Campingplatz. Die hängen dann ebenfalls an der großen, dicken Kleiderstange. Passend zu dieser gibt's auch entsprechend überdimensionale Wäscheklammern zu kaufen, echte Monsterteile! Damit kann man dann auch mal Bettwäsche oder Handtücher aufhängen. Hier auf dem Campus haben wir hinter dem Haus auch ganz normale Wäscheleinen, wie man sie überall kennt, aber die meisten Stadt-Chinesen haben nicht das Glück von soviel Grünland im Wohnumfeld. Zum draußen Trocknen sieht man daher auch sehr viele ausfahrbare Wäsche"spinnen" an der Hauswand entlang. Die moderne Variante sind die ausfahrbaren Zick-Zack-Modelle, althergebracht sind die mit dem festen Grundgestell auf dem man in Längs- oder Querrichtung bewegliche Stangen auflegen kann. Wir haben es zwar noch nicht live beobachtet, gehen aber davon aus, dass man die Stangen erst im Haus bestückt, bevor man sie dann komplett nach draußen befördert. Leider fehlt so ein Wahnsinnsteil an unserer Wohnung, ich finde das echt genial und hätte garantiert meinen Spaß daran.

Beim Bügeln hört mein Spaß hier allerdings recht schnell auf. Zur Wohnungsausstattung gehört dieses handlich kleine Bügelbrett von Ikea, das man auf kurzen Beinchen auf jedem Tisch platzieren kann. Zu Patchworkkursen nehme ich das Teil wirklich gerne mit um kleine Stoffteile kurz überzubügeln, aber Oberhemden Größe XXL lassen sich darauf nur ausgesprochen schlecht verarzten, das dauert ewig, weil man ständig in mehrere Richtungen am Nachrücken ist. Und wenn man dann endlich in der Runde rum ist, dann ist der erste Ärmel schon wieder total zerknittert, weil ja nix irgendwo ungehindert drumherum runterhängen kann. Meiner Weisheit letzter Schluss: Ich rücke die schmale Wäschekommode im Schlafzimmer von der Wand ab und platziere das Bügelbrettchen darauf, so bleibt wenigstens Freiraum zum Runterhängen. Klitzekleiner Nachteil: Das Bügelbrett reicht mir dort in etwa bis zur Brust, für kleinere Frauen also nicht wirklich empfehlenswert und für meinen lieben Dieter ein echter Lacher! Soll er doch selber bügeln, auf Zehenspitzen am Besten!

 

Mittwoch, 18.7. - so geht das nicht weiter!

wer hätte aber auch gedacht, dass die Tage in Nanjing sooo schnell vergehen! Ich komme mit dem Tagebuchschreiben überhaupt nicht hinterher und fürchte, dass Ihr, meine lieben Leser, so langsam enttäuscht seid, wenn sich hier so wenig tut. Ihr könnt Euch sicher vorstellen, dass ich wirklich jeden Tag grundlegend Neues erlebe und entdecke. Bis ich das dann fotografiert und "zu Papier" gebracht habe, dauert natürlich eine Zeit, zumal die Fotos ja auch einzeln bearbeitet und betextet werden möchten. Also werde ich meine Strategie ändern: Ab heute eher kurze Tagesberichte, die dafür aber aktuell und etwa einmal pro Woche wird ein bestimmter Lebensaspekt genauer unter die Lupe genommen. Da bereite ich gerade vor, Euch mit in den Supermarkt zu nehmen… Darüber hinaus denke ich an Straßenverkehr, Bahnreisen, das Essen i.A. und vieles andere mehr, Ideen habe ich genug, nur fehlt ständig die Zeit, also hübsch eins nach dem anderen.

Dann also zurück zum letzten Mittwoch - in Wirklichkeit sind wir schon eine Woche älter…

Dem schlauen Internet habe ich entnommen, dass es für Bus, U-Bahn und Taxi in Nanjing eine gemeinsame ÖPNV-Karte gibt. Gemeinsam ziehen wir los zur nahegelegenen U-Bahn-Station "Xiaolingwei", wild entschlossen eine solche "IC-Card" käuflich zu erwerben. Leider spricht die junge Dame am Fahrkartenschalter kein Wort englisch. Das ist natürlich ihr gutes Recht, denn eigentlich wären wir ja in der Pflicht wenigstens ein wenig chinesisch zu erlernen. Da aber mein eigentlich sprachbegabtes Hirn schon damit überfordert ist, sich nur für 1 Minute 3 verschiedene U-Bahnstationen namentlich zu merken, habe ich meine ehrgeizigen Pläne des Spracherwerbs schon ganz weit nach hinten verdrängt. Da auch per Zeichensprache der Dame beim besten Willen nicht zu verklickern ist, was wir kaufen möchten, wenden wir uns den freundlichen Ticketautomaten zu, die zwar in gutem Englisch mit uns kommunizieren, jedoch nur Einzelfahrscheine von sich geben. Wir kaufen uns 2 Einzelchips zu je 2,- Yuan (= 0,26 €), mit denen wir laut Internet bis zu 8 Stationen weit kommen, also bis in die Stadtmitte zur Station "Sanshanjie" mit einmal Umsteigen in "Xinliekou". Also rein ins Vergnügen!

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Die Devise lautet: Nachmachen! Die Chinesen vor uns überwinden die vollautomatischen Schranken indem sie entweder ihre IC-Cards auf einer rechteckigen Fläche einscannen oder ihren Chip in den Schlitz einwerfen, um ihn direkt dahinter aus einer Mulde wieder rauszufischen. Das können wir auch! Klappt tatsächlich. "To Trains" geleiten uns die Wegweiser ganz unmissverständlich einen Stock tiefer. Sehr konsequent geht es abwärts zu Fuß und aufwärts per Rolltreppe. Wie kommen Rollstuhlfahrer hier zurecht? Aufzüge habe ich noch nicht entdeckt, aber auch noch keinen einzigen Rolli….??? Unten müssen wir uns entscheiden die Linie 2 nach "Jintianglu" oder nach "Youfanqiao" zu nehmen. Letzteres erweist sich als richtig.

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Seit Jahren hat Dieter eine erfolgreiche Forschungskooperation mit dem Zughersteller Alstom in der Schweiz und freut sich sehr, dass die Nanjing-U-Bahn mit eben diesen Zügen fährt. Und überhaupt ist hier alles sehr gepflegt und äußerst sauber, ganz anders als in unserem Wohnumfeld. Ein ganz großes Plus in Sachen Sicherheit bieten die Wände, die den Bahnsteig von den Gleisen trennen. Wir kennen das schon aus Istanbul, sonst hätten wir glatt versucht, die verschlossenen Türen einzurennen in der Annahme, die Bahn sei bereits da… Tatsächlich fährt die Bahn aber jenseits dieser Glaswand ein und erst wenn sie steht, öffnen sich sowohl die Zug- als auch die Wandtüren erfreulich deckungsgleich, so dass wirklich keiner auf die Gleise geraten kann, da gab es in Deutschland doch schon die grausligsten Unfälle. Da es erst kurz nach Mittag ist, gibt es kein Gedränge in der Bahn, wir bekommen sogar Sitzplätze und erreichen unsere Umsteigestation binnen 15 Minuten. Alle Ansagen und Schrifttafeln im Zug sind sowohl chinesisch als auch englisch, echt prima! Das Umsteigen auf die Linie 1 klappt auch gänzlich unkompliziert, hier kann ich mir sogar die Fahrtrichtung mit "Olympic Stadium" richtig gut merken, toll was?

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2 Stationen weiter befinden wir uns unterhalb der Stadtmitte und steigen aus. Über 2 Rolltreppen arbeiten wir uns nach oben, wo wir abermals Schlange stehen vor diesen Gates. Also wieder "Chinesen-gucken" und nachmachen, nichts leichter als das… Pustekuchen! Die Chinesen werfen ihre blauen Chips in den vorgesehenen Schlitz ein und die kleine Schranke öffnet sich. Bei uns hingegen öffnet sich gar nichts, stattdessen geht ein sehr schriller Alarmton los und die digitale Anzeige deutet mit einem dicken roten Kreuz darauf hin, dass dem Automat unser Chip überhaupt nicht schmeckt! Trial and error…. natürlich versuchen wir es beide ein zweites Mal, mit demselben Ergebnis, allerdings kommt diesmal ein U-Bahn-Mitarbeiter um die Ecke. Laut lamentierend geleitet er uns zum Stationskontrollhäuschen, er auf der Seite der Freiheit, wir immer noch jenseits der unüberwindlichen Geländer und Schranken. Nachdem auch hier wieder niemand englisch spricht, wird per Funk ein weiterer Mitarbeiter dazu gerufen und mit dem klappt dann endlich die Konversation, nun ja es ist nicht wirklich ein Gespräch, mehr so ein wildes Gemisch aus Chinesisch, Englisch und Zeichensprache. Wir erkennen jedenfalls, dass wir offenbar für die zurückgelegte Strecke einen 3,-Yuan-Chip statt eines 2,-Yuan-Chips hätten haben müssen. Offenbar zählen nicht die angefahrenen Stationen zu den 8 erlaubten, sondern alle "berührten" Stationen, incl. der des Einstiegs. Nun gut, man ist gnädig mit uns und öffnet uns eine Seitentür. Ob dieser Schwierigkeiten vertieft sich mein Verlangen nach einer IC-Card und ich nutze die Gelegenheit einen englischsprachigen Schaffner vor mir zu haben, der es tatsächlich ermöglicht, dass wir 2 dieser genialen Karten direkt erwerben können. Der Anschaffungspreis liegt bei 52,-Yuan (=6,80 €) und die Mindestaufladung kostet nochmal 50,- Yuan. Mit der Karte zahlen wir jetzt in Bus, Metro und Taxi nur noch 95 % des Normalpreises. Jede Busfahrt kostet quer durch das Stadtgebiet immer 1,- Yuan und die Metro 2,- oder 3,- Yuan, also traumhaft günstige Preise im weltweiten Vergleich. Bei jedem Scannen an der Schranke wird das verbleibende Kartenguthaben angezeigt. Und wenn's dann zur Neige geht? Dann zeige ich am Fahrkartenschalter mein Kärtchen vor, bewege die Finger im international erkennbaren "zahlen-bitte" Zeichen und halte ihm meinen Handy-Taschenrechner mit der entsprechenden Yuan-Zahl vor die Nase oder gebe den entsprechenden Geldschein direkt hin. Ich bin da sehr zuversichtlich!

Unseren Downtown-Nachmittag beginnen wir im vielgepriesenen modernen Einkaufszentrum "Aqua-City", das uns aber wenig anmacht. Viele kleine Läden halt, aber nichts was uns ernsthaft interessiert. Von dort aus richten wir unsere Schritte nach Norden, der Taiping-Road folgend. Eine sehr geschäftige Straße, die im nördlichen Teil zur puren Schmuck-Meile wird, ein Juwelier am anderen. Man hatte mir schon berichtet, dass in China generell, auch in Nanjing gerne mal ganze Stadtviertel oder Straßenzüge sich um ein einziges Produkt kümmern. Schade, Dieter hat heute offenbar die falschen Hosen an, die Spendierhosen sind's jedenfalls nicht… So bleibt das Geschmeide denn in den Auslagen liegen, statt an meinem Hals zu landen.

In der Nähe unserer Umsteigestation "Xinliekou" entdecken wir einen Supermarkt der französischen Kette Carrefour, das verspricht Importwaren! Schon auf der Rolltreppe wirbt man damit, dass alle Produkte international bezeichnet seien, allein das könnte schon sehr hilfreich sein. Tatsächlich gibt es viel mehr englische Preistäfelchen als in unserem Suguo-Supermarkt, aber längst nicht an allen Waren. Wir freuen uns über Pizzatomaten, Emmentaler Käse und Senf. Als ich dann auch noch Oregano entdecke, ist Dieter restlos zufrieden mit unserem Einkaufs-Ausflug und wir lassen den Abend lecker, aber wenig chinesisch bei Pizza-Hut ausklingen.

 

Donnerstag, 19.7. - unsere Handys lernen chinesisch!

Ein weiteres Kartenproblem brennt mir unter den Nägeln: Mein Handy soll eine chinesische SIM-Karte bekommen, damit ich hier zu Landeskosten telefonieren und auch mobil ins Internet gelangen kann. Und auch für Dieters Handy möchten wir eine chinesische SIM-Karte zum reinen Telefonieren haben.

Dieses Anliegen ist jedoch ganz klar zu kompliziert für mich ohne Dolmetscher. Zum Glück erklärt sich Ruis Mitarbeiter Qinbo Zhou, dessen englischer Name Bob lautet, bereit, mir dabei zu helfen. Zuerst einmal soll ich aber herausfinden, welche Bandbreiten mein Handy denn verarbeitet… OK, Ricki und die Handy-Technik - 2 Welten treffen aufeinander. Aber frau hat ja Internet und nach 2-stündiger Recherche weiß ich, dass mein Handy nicht einfach nur htc wildfire S heißt, sondern noch den wichtigen Zusatz A 510e hat. Gar nicht so einfach was herauszufinden wonach man eigentlich gar nicht sucht, oder? Darüber hinaus lerne ich, dass es weltweit 3 verschiedene dieser Zusatzbezeichnungen für meinen Handytyp gibt, die alle verschiedene Sendestandards verarbeiten. Wer z.B. ein kanadisches Wildfire S sein eigen nennt, kann damit nicht in Simbabwe telefonieren! Internet-Foren sind ja soooo bildend, oder hättet Ihr das ganz von alleine gewusst? Dann recherchiere ich wie wild nach den chinesischen Bandbreiten, um erfreut festzustellen, dass es aller Wahrscheinlichkeit nach die gleichen wie in Deutschland sind. Mit dieser Erkenntnis wende ich mich per mail an Bob. Er antwortet ziemlich prompt: Zufällig hat er ganz genau das gleiche Handy wie ich, auch die A 510e. Hätten wir das eher bemerkt, hätte ich zwar viel Zeit gespart, wüsste aber immer noch nichts über die Nicht-Kompatibilität meines Handys mit den Netzen in Simbabwe! Wer weiß, wann mir diese Erkenntnis mal zu Gute kommt, Dieters nächstes Sabbatical kommt bestimmt…

Jedenfalls gehe ich mit Bob zusammen in den nahegelegenen Shop von "China-Unicom" einem von mehreren Anbietern hierzulande. Bob hat just heute in der Mensa ein Angebotsblättchen abgestaubt, das mir einen Super-Schnäppchentarif incl. 500 MB Datenvolumen und 120 Freiminuten für umgerechnet 5,88 € verspricht. Nun fehlt mir ehrlich gesagt der Vergleich zu deutschen Handy-Shops, weil ich alles im Internet erledige was mit Telefontarifen zu tun hat. Aber 2 1/2 Stunden für 2 SIM-Karten kommen mir schon irgendwie lang vor, zumal Bob ja von vornherein wusste, was wir haben wollen. Chinesen lieben die Bürokratie noch mehr als wir Deutsche! Für jede SIM müssen 3 Formulare mit je 2 farbigen Durchschlägen ausgefüllt werden, plus Fotokopie unserer Reisepässe. Mehrfach ist zu unterschreiben und für jede SIM eine vierstellige PIN-Nummer zu erfinden. Die wird natürlich nicht aufgeschrieben, sondern in ein Display eingegeben. Damit nur ja niemand die Eingabe beobachten kann, ist so dermaßen geschickt eine überdimensionale Abdeckung darüber angebracht, dass man den Zahlenblock leider nur mit Lupe und Taschenlampe einsehen könnte, ohne diese Hilfsmittel hilft nur Raten. Ich erkenne erst noch nicht einmal, ob die 1 nun oben links wie beim Telefon oder unten links wie beim Computer angebracht ist. Kein Wunder, dass ich mich vertippe als die PIN noch zweimal wiederholt werden muss. Je einen Durchschlag der Formulare bekomme ich mit nach Hause und außer mir wundert sich offenbar niemand, dass beide SIM-Karten auf den Vor- und Zunamen "Stadtverwaltung" lauten, irgendwie erschien es der jungen Chinesin wohl schlüssig, just dieses Wort aus unseren Reisepässen als Namen zu übernehmen, verstehen muss ich das nicht!

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Ich bin Bob wirklich sehr dankbar für seine große Hilfe, diesen Bürokratiedschungel hätte ich ohne ihn niemals überwunden. Die eigentliche Überraschung folgt dann beim Ausprobieren zuhause. Während auf den Computern ohne VPN-Tunnel kein Weg zu Herrn Google führt, geht es mit dem Handy völlig problemlos. Das ist natürlich super, so kann ich maps jederzeit nutzen, wenn wir irgendwo unterwegs sind. Ach ja, die Handys sprechen jetzt echt chinesisch. Immer mal wieder bekomme ich von China-Unikom eine rein chinesische SMS. Im Raten war ich in der Schule schon gut - besser als im Lernen… Daher meine ich zu erkennen, dass man mir in diesen Nachrichten mitteilt, wieviel Guthaben ich noch drauf habe und wieviel Datenvolumen ich von den 500 MB schon verbraucht habe. Und über die mir bereits geläufigen klugen Foren der China-erfahrenen Ausländer konnte ich herausfinden, wie ich bei China-Unicom aktiv meinen Guthabenstand erfragen kann: SMS an die 10010 mit dem Text "YE", dann kommt postwendend die gewünschte Auskunfts-SMS. Wie sind wir eigentlich jemals ohne die Wissensquelle Internet zurechtgekommen????

 

Freitag, 20.7. - Visitenkarten

Schon im Mai hatte ich im Internet herausgefunden, dass es in Nanjing einen International-Club gibt, ein Verein in dem sich Ausländer aus aller Herren Länder zusammenfinden, um sich gegenseitig bei all Ihren großen und kleinen Schwierigkeiten in der Fremde zu unterstützen. So etwas gab es auch als wir vor fast 24 Jahren in Iowa-City lebten und es war DIE Chance für mich, ein soziales Netz zu knüpfen. Zu meiner besonderen Freude heißt eine der vielen Unterabteilungen des hiesigen Clubs "Needles and Pins" und die für diese Handarbeitsgruppe Verantwortliche ist Brigitte, eine Deutsche aus Niedersachsen, die schon seit 2008 mit ihrer Familie in Nanjing lebt. Wir hatten natürlich ausführlichen mail-Kontakt und ihr verdanke ich es, dass meine ursprüngliche Angst vor diesem Aufenthalt zunehmend der Neugier und Freude wich. Laut Brigitte verlassen alle vernunftbegabten Ausländer im Hochsommer Nanjing, soweit es beruflich nur irgend möglich ist. Die internationale Schule hat den ganzen Juli bis Mitte August Sommerferien, erst dann kommen alle zurück. Brigitte war aber so nett, einen dicken Block von Visitenkarten mit in den Deutschland-Urlaub zu nehmen und mir diesen noch vor unserem Abflug zuzuschicken. Das Ding ist echt genial:

31 Sehenswürdigkeiten
19 Apartment-Vermieter
26 Adressen für Gesundheit, Schönheit, Golf (ist das die VIP-Sortierung?)
14 Hotels
84 Restaurants, Bars, Cafés
11 Schulen, Sprachschulen
57 Läden
8 Bahnhöfe, Flughäfen, Servicestellen

Jeder Anlaufpunkt hat ein eigenes Kärtchen sowohl in Englisch als auch in Chinesisch, damit man es dem Taxifahrer zeigen kann. Nun sind wir ja eher die Metro- denn die Taxikunden, aber trotzdem bringen die Kärtchen natürlich eine große Informationsfülle. Übrigens haben wir für unsere Wohnung ebenfalls Visitenkarten in englisch und chinesisch, damit wir nicht verloren gehen und irgendwann nicht mehr nach Hause zurückfinden.

In eben diesem Visitenkarten-Block gibt es auch eine sog. "Computer-Street". Die steuern wir heute an, um uns eine Drucker-Scanner-Kombination zu kaufen, ohne sind wir doch ziemlich aufgeschmissen, zumal Dieter im Büro ja auch keinen Zugang zu solchem Equipment hat. So erfreut wir anfangs über die schön langen Öffnungszeiten der Läden waren, so verblüfft sind wir, als wir in der Computer-Street um 18:30 schon vor lauter verschlossenen Türen stehen, das verstehe wer will. Aber es hilft ja nix, wir beschließen für morgen einen neuen Anlauf.

 

Samstag, 21.7. - Computer-Street

Ok, heute nun also erneut Richtung Computer-Street. Prima Idee, hat ja auch nur schlappe 39° im Schatten. Da sind wir beide schon klatschnass geschwitzt als wir die U-Bahn Station an der Uni erreichen. Zumindest ist es unterirdisch etwas kühler, aber an der Oberfläche erwartet uns die Hitze erbarmungslos. Die Wegstrecke, die wir gestern noch zu Fuß gingen, immerhin 1 ½ km, setzen wir uns heute lieber in den Bus, bloß nicht zuviel bewegen! In der Nähe eines kleineren Computer-Kaufhauses hält der Bus an und wir stürzen uns eilig in die klimatisierten Räumlichkeiten. Hier werden jedoch nicht fündig. Das Haus beherbergt lauter kleine Einzelgeschäfte, von denen kein einziges Drucker anbietet, offenbar sind wir im Mekka der Handys und Digitalkameras gelandet. Also wieder raus in die brütende Hitze und weitersuchen. Auf der anderen Straßenseite deutet alles auf ein weiteres Elektronik-Kaufhaus hin. Auf dem Vorplatz stehen fliegende Händler mit einem kunterbunten Angebot teils neuen teils gebrauchten Computerzubehörs, jeder hat ein Mikrofon an der Wange kleben und bietet seine Ware mit überschlagender Stimme, untermalt von extrem lauter Musik feil, was für ein LÄRM! Niemals nicht würde ich hier freiwillig was kaufen. Drinnen im Gebäude ist es etwas ruhiger, vor allem aber 15° kühler. Wiederum hat das keinerlei Ähnlichkeit mit einem Media-Markt o.ä. Lauter Einzelhändler, aber hier sind sie wenigstens nach Warengruppen einigermaßen erkennbar geordnet. Im Erdgeschoss Handys und Navis, im 2. Stock gesellen sich zu noch mehr Handyhändlern dann noch die Anbieter von Laptops dazu. Und im 3. Stock werden wir in Sachen Drucker fündig.

kleiner Exkurs: Nein, ich habe mich nicht vertippt oder verzählt. In China heißt das Erdgeschoss schon "first floor", also 1. Stock, gefolgt vom 2. und 3. u.s.w. Wir wohnen ja im 4. Stock, ist aber nicht ganz so grausam wie es sich anhört, denn bis zum 1. Stock sind es nur 4 oder 5 Stufen, so dass wir eigentlich nur 3 Stockwerke erklimmen müssen.

Gleich an der Rolltreppe wenden wir uns an einen Händler in dessen Rücken sich die Drucker- und Scanner-Kartons stapeln. Man könnte ja annehmen, dass jemand, der sich mit Computer und Co. auskennt evtl. auch ein paar Brocken englisch spricht - falsch gedacht. Aber mit Zeichensprache, Zahlen auf dem Taschenrechner, halb englischen-halb chinesischen Produktangaben auf den Kartons führen wir fast so was wie ein Verkaufsgespräch. Immerhin wissen wir am Ende, dass der eine hp-Drucker-Scanner 690,-Yuan kosten soll, der andere 790,-, wobei ersterer die billigeren Patronen Nr. 407 für je 65,-Yuan braucht, der teurere dafür aber mehr Drucke aus seinen Patronen rausholt. Wir bedanken uns höflich und verabschieden uns für weitere Erkundungen, ohne zu wissen, ob wir damit evtl. gegen die guten chinesischen Sitten verstoßen oder nicht. So arbeiten wir uns quer durch's Stockwerk und erkennen schnell, dass die Preise stark schwanken. Wir sehen uns auch andere Marken an, hp bleibt aber unser Favorit, haben wir zuhause auch und sind zufrieden damit. Von den genannten 690,-Yuan bis runter auf 600,- ist alles für das besagte Modell vertreten. Wir verlassen das Kaufhaus, um weitere Möglichkeiten auszuloten. Nach 2 weiteren Anläufen in Geschäften, die überhaupt keine Drucker im Angebot haben, beschließen wir erstmal was zu essen. Und JA, es ist wieder mal nicht ganz so chinesisch, wie alles andere hier: Kentucky Fried Chicken hält leckere Hähnchenteile, eisgekühlte Cola und klimatisierte Räume für uns bereit, da gibt's kein Halten. Wohlgenährt und bequem sitzend befrage ich mein schlaues Handy nach den deutschen Preisen für den favorisierten hp-Drucker, bekomme aber keine Auskunft. Scheinbar ist dieses Modell in D gar nicht auf dem Markt. Amazon Polen würde mir gern weiterhelfen, aber auch da hab ich ein Sprachproblem. So ziehen wir also weiter und finden noch ein einzelnes hp-Fachgeschäft. Dort präsentiert man uns das besagte Modell für 699,-Yuan und belegt die Richtigkeit dieses Preises mit einem offiziellen hp-Verkaufsprospekt. Dank dieser Information fühlen wir uns letztlich ziemlich wohl als wir den Drucker dann beim billigsten Anbieter des großen Kaufhauses für 600,-Yuan (= 78,-€) kaufen. Ohne Murren lässt die junge Verkäuferin uns die ganze Kiste auspacken, um zu prüfen, ob auch alles nach Original- und Neuware aussieht und das versprochene Zubehör vom USB-Kabel bis zu den Druckpatronen auch wirklich drin ist. Schließlich verklebt und verschnürt sie den Karton neu in gut tragbarer Form, so dass wir frohen Mutes den weiten Rückweg antreten. Kurz vor Erreichen der U-Bahnstation verlassen uns vorübergehend die Kräfte und wir schleichen uns ins klimatisierte Café. Die dortige Coladose nebst einem Glas Orangensaft kosten genau so viel wie vorher unser ganzes Mittagessen zu zweit, nämlich 56,-Yuan. Das muss wohl irgendein Nobelschuppen sein, egal - Hauptsache sitzen, Klimaanlage und gekühlte Getränke!

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Zuhause bekommt unser Drucker gleich seine erste kleine Aufgabe: Wir wollen unseren Wecker zur "Weltzeit-Uhr" umgestalten. Ja, unsere Bastelleidenschaft ist mitgekommen nach China! Das mit der "Weltzeit" ist natürlich maßlos übertrieben, in Wirklichkeit bekommt der Wecker einfach nur einen zweiten Stundenzeiger eingebaut, der die deutsche Sommerzeit angibt. Zur besseren Unterscheidung wird dieser Zeiger bunt: schwarz-rot-gold für Deutschland. Und so wissen wir jetzt immer, was bei Euch die Stunde geschlagen hat.

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